Wien, Burgtheater, Dringlichkeitsanfrage zum Finanzskandal, IOCO Aktuell, 14.03.2014

Burgtheater Wien

Wien, Burgtheater im Winter © IOCO
Wien, Burgtheater im Winter © IOCO

 Finanzgebaren am Burgtheater

Dringlichkeitsanfrage im österreichischen Parlament

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Der Finanzskandal am Wiener Burgtheater zieht immer weitere Kreise. Im November 2013 wurde die Vizedirektorin Silvia Stantejsky fristlos entlassen. Im März 2014 wurde Intendant Matthias Hartmann von Kulturminister Josef Ostermayer gefeuert. Der Chef der Wiener Theater-Holding Georg Springer ist von seinem Amt als Burgtheater-Aufsichtsratschef zurück getreten. IOCO berichtete ausführlich.
 Minister Josef Ostermayer, rechts, und Georg Springer © BKA - Andy Wenzel
Minister Josef Ostermayer, rechts, und Georg Springer © BKA – Andy Wenzel
Nun beschäftigt der Skandal das österreichische Parlament. Die Abgeordnete Beate Meinl-Reisinger, seit Januar 2014 neu im Nationalrat, hat eine 72 Fragen umfassende Dringlichkeitsanfrage zu den Verhältnissen am Burgtheater an die Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur, Dr. Claudia Schmied gerichtet. Die IOCO vorliegende Dringlichkeitsanfrage zeigt erschütternde Mängel in Organisation, Verwaltung und Verhalten an dem künstlerisch angesehenen Burgtheater, und größtem Sprechtheater der Welt. Fehlbeträge von 15 Mio. Euro und “Kreativität hinter der Bühne” stehen im Raum.
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Beate Meinl-Reisinger begründet ihre Dringlichkeitsanfrage mit den “erschreckenden Einblicken in die finanzielle Lage des …Nationaltheaters“.  Lesen Sie den folgenden  Auszug – kursiv – aus der Dringlichkeitsanfrage über die dramatischen Verhältnisse am Wiener Burgtheater im Umgang mit  “Geld”:

“Das Liquiditätsmanagement dürfte in der Burg – …….. mit dem klingenden Namen „Sopran“ – nach dem „Loch auf, Loch zu-System” erfolgt sein.

Die Verschleppung von budgetären Nöten mit schiefer Optik

In Wahrheit hat das Haus seit Jahren ein Problem mit wachsender Verschuldung. Darüber hinaus bereitete man sich mit dem Wechsel der Direktion von Bachler zu Hartmann auf deutlich erhöhte Produktionskosten vor (Der Lagebericht 2008/2009 spricht von einem geplanten “Eröffnungs–Premieren–Marathon”).
Aus diesem Grund griff man ab 2009 auch zu von den damaligen Abschlussprüfern von PwC akzeptierten Bilanztricks und schrieb Produktionen statt bis zu 3 nun bis zu 5 Jahre ab. In Wahrheit hat sich das Burgtheater seit damals reicher gerechnet als es ist und so verschleiert, dass wohl zu teuer produziert wurde.

Zur Erreichung eines ausgeglichenen Budgets notwendige Einsparungen erfolgten wohl hauptsächlich über Kürzungen beim künstlerischen Personal, also durch Kündigungen. Daneben sind die Einnahmen gesteigert worden – durch höhere Sitzplatzauslastung und eine Erhöhung der Ticketpreise. Günstigere Produktionen zu fahren war offenbar keine Option.

Über Jahre hinweg erfolgte weder im Burgtheater selbst noch über die Holding oder über das BMUKK eine funktionale den verfügbaren Mitteln entsprechende Budgetplanung. Damit geht einerseits eine Verfehlung der handelnden Personen einher, anderseits ist das auch eine Bankrotterklärung für die Kontrolle des Einsatzes von Steuermitteln.

Besonderes Augenmerk verdienen die Produktionskosten für Inszenierungen von Hartmann selbst, und dabei insbesondere auch die Kosten für das “Leading Team”. Am Burgtheater inszenierte er bisher zwölf Produktionen. Darüber hinaus gab es fünf Übernahmen aus Zürich und Bochum, ebenfalls unter der Regie von Hartmann: Aus vorliegenden Aufstellungen ergeben sich Gesamtproduktionskosten von rd. 2,6 Mio. Euro für die von Hartmann inszenierten Stücke in den Saisonen 2008/09 sowie 2009/10 (samt Vorbereitungskosten). Davon entfiel rund die Hälfte der Kosten (rd. 1,3 Mio) auf das Leitungsteam.
Somit inszenierte Hartmann selbst rd. drei Stücke pro Saison zusätzlich zu den Übernahmen von von ihm inszenierten Stücken aus Bochum und Zürich. Fraglich ist, wieviele Stücke vertraglich bereits abgegolten sind und für wieviele Stücke er zusätzliche Honorare erhalten hat. Jedenfalls steht die Häufigkeit der Inszenierungen Hartmanns in einem Spannungsverhältnis zu seinen Aufgaben als Geschäftsführer des Burgtheaters.
Zusätzliche Produktionskosten erwuchsen der Burg seit der Direktion Hartmann durch die “Junge Burg”. Das Vorzeigeprojekt in puncto Kinder- und Jugendprogramm geriet nun im Zuge der Diskussionen um die Finanznöte des Theaters in die Kritik. Eine vorliegende Aufstellung der Produktionskosten für die Junge Burg in der Saison 2009/10 zeigt, dass die Gesamtproduktionskosten bei rund 810.000 Euro lagen. Davon gingen rd. 260.000 Euro an das Leading Team. Besonders hoch waren die Kosten beim “Zauberer von Oz” mit rd. 700.000 Euro, rd. 187.000 Euro entfielen auf das Leading Team.
Dass sämtliche Produktionen der Jungen Burg unter der Leitung und Regie von Annette und Peter Raffalt, der Schwester und dem Schwager von Matthias Hartmann, stehen, hat eine schiefe Optik. Eine schiefe Optik allein ist noch kein Skandal. In vielen Gesellschaften findet sich allerdings in Geschäftsordnungen die Regelung, dass die Einstellung von Verwandten der Zustimmung des Aufsichtsrats bedarf. Im Burgtheater fehlt jedoch eine solche Regelung.”

Einde der Auszüge aus der Dringlichkeitsanfrage an den Nationalrat.  

IOCO / VJ / 15.032014

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