Wien, Staatsoper Wien, Der 60. Wiener Opernball: Kunst, Tradition, Eitelkeiten, IOCO Aktuell, 04.02.2016

Wiener Staatsoper © Starke
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Wiener Staatsoper

Der 60. Wiener Opernball – 4. Februar 2016

Mediales Weltereignis, Geliebte Tradition, Laufsteg von Eitelkeiten

Wien / Opernball 2016 © Verlag Edition Lammerhuber Baden Illustration Elise Mougin
Wien / Opernball 2016 © Verlag Edition Lammerhuber Baden Illustration Elise Mougin

Alljährlich ist der Wiener Opernball spektakuläres und internationales Medienereignis. Weltkriege, Skandale wie andere Widrigkeiten überlebte er weitgehend unbeschadet. Dabei ist der Opernball nur eine Facette in der weit gefächerten Wiener Balltradition, welche ihren Ursprung im Wiener Kongress von 1814/15 hat.

Der Wiener Opernball ist medialer Höhepunkt der   prächtigen Wiener Ballsaison, welche jedes Jahr zur Zeit des Fasching stattfindet. Akademiker-ball, das fröhliche Kostümfest genannt Gschnas, Bürgerball, Polizeiball, Bonbonball, Ball der Tiroler in Wien, Regenbogenball: 450 großartige  Bälle einigt die große Wiener Tradition. Der Wiener Opernball verstand sich ursprünglich als “Ball der Künstler für Künstler”. Nach vielen Wirrungen gab 1877 Kaiser Franz Joseph, seine persönliche, 1869 noch verweigerte Zustimmung zu einer Soirée im Festsaal der damaligen Hofoper, aus welcher der heutige Opernball entstand. Seine  verzaubernden Rituale wie die offizielle Bezeichnung Wiener Opernball erhielt das Künstlerfest erst 1935.

Wiener Staatsoper / Opernballplakat 2015 by Kera Till
Wiener Staatsoper / Opernballplakat 2015 by Kera Till

Zum 58. Wiener Opernball 2014 konstatierte  der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan, den österreichischen Bundespräsident Fischer begleitend, liebenswert: “Jeder muss einmal im Leben auf dem Wiener Opernball gewesen sein“.

Der 60. Wiener Opernball findet 2016 am 4. Februar, jedoch immer am Gründonnerstag und Altweiberfastnacht statt. 5.000 Gäste werden dann feiern: Bundespräsident Fischer ist Dauergast, ebenso Wirtschaftsbosse, Minister, Medienstars, Sternchen, Parvenüs oder Spaßvögel. Doch die meisten Besucher des Opernballes der Staatsoper – man glaubt es kaum – sind Normalbürger aus Wien. Spätentschlossene haben keine Chance: Der Opernball seit langem ausverkauft.

Dominique Meyer und Desirée Treichl-Stürgkh © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Dominique Meyer und Desirée Treichl-Stürgkh © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Der Opernball zieht allein in Österreich alljährlich 1,5 Mio. Menschen vor die Fernseher. Weltweit sind es viele Millionen. Dominique Meyer, Chef der Wiener Staatsoper möchte künstlerische Ansprüche hochhalten und präsentiert “eine Galerie an hochbegabten Künstlern auf einem hohen Niveau“. Dabei war Begeisterung für den Opernball bei Opern-Chefs nicht immer so eindeutig wie heute: Meyer-Vorgänger, der knorrige Ioan Holender zeigte wenig Sympathie: “Ich stelle die Sinnhaftigkeit zur Diskussion, dass man 2 Millionen Euro investiert, um ein Gebäude zweckentfremdend zu nutzen.“ Doch Meyer, seit 2011 neuer Opern-Chef, outet sich offensiv entspannt als Wiener Opernball-Fan. So verwandelt sich die Wiener Staatsoper am 4. Februar 2016 zum schönsten Ballsaal der Welt. Ein überdachter roter Teppich vor dem Eingang der Staatsoper trägt den Glamour des Ball-Events sichtbar in die Öffentlichkeit. 19 Kameras von ORF und 3sat und zahllose Moderatoren berichten live in alle Welt.

Wiener Opernball © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Wiener Opernball © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Desiree Treichl – Stürgkh, gelernte Mode-Journalistin organisiert den Opernball seit 2008. Alles Walzer – heißen die von Atil Kutoglu für die Debütant/innen des Opernballs entworfenen Roben. “Ich bin verliebt in die Kleider. Sie verleihen dem Opernball noch mehr internationales Flair“, so Treichl-Stürgkh, alles sehend, alles steuernd ihren letzten Opernball als “Ball-Mutter”.

Das Eröffnungsprogramm des 60. Wiener Opernball 2016:  Um 20.15 Uhr ertönt die FANFARE von Karl Rosner, es folgt die ÖSTERREICHISCHE BUNDESHYMNE, die FINNISCHE NATIONALHYMNE  (der Finnische Staatspräsident  Sauli Niinistö ist Gast von Bundespräsident Heinz Fischer), EUROPAHYMNE von Ludwig van Beethoven. Der folgende  Einzug und Tanzdarbietungen der 150 Paare des Jungdamen- und Jungherren-Komitees stellt einen der reizvollsten Höhepunkte des Opernballes dar.

Wiener Opernball © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Wiener Opernball © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Für das Jungdamen- und Jungherren-Komitee mussten sich die Paare im Oktober 2015 Walzer links drehend qualifizieren! Die Aufnahmevorschrift in das Komitee verlangt: Gute Linkswalzer-Kenntnis, Alter 17 bis 24 Jahre, maximal 1 Teilnahme, € 120 Gebühr, schriftliche Bewerbung mit Bild bis Anfang Oktober 2015. Die Bekleidungs-vorschrift. Damen: Schneeweißes langes, Ballkleid (ohne Reifrock), weiße Handschuhe, weiße Schuhe. Herren: Schwarzer Frack, weiße Handschuhe, schwarze Lackschuhe. Rauchverbot!

Die FÄCHERPOLONAISE von Carl Michael Ziehrer unterlegt diesen spektakulären Einzug musikalisch. Das Wiener Opernball Orchester  dirigiert Andreas Spörri. Im folgenden Programm dirigiert Alt-Star Placido Domingo Rossini und singt mit Olga Peretyatko aus der Lustigen Witwe von Franz Léhar. Mit dem Walzer An der schönen blauen Donau öffnet der Ball spät abends das Parkett allen tanzenden Besucher

120 Musiker sorgen dann bis 5 Uhr in der Früh für Unterhaltung. Im 4. Stock geht die Post ab: Ein Spielcasino, zwei Rauchersalons, diverse Bars, ein Heuriger und Tanz an acht verschiedenen Lokationen. Die Logen dienen der Unterhaltung in kleinem Kreis, der Geschäftsanbahnung, wienerisch sanft als Landschaftspflege umschrieben. Im der Oper gegenüber liegenden Hotel Sacher wird vorgefeiert.

Meyer und Solistin Garifullina und Bezsmertna © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Meyer und Solistin Garifullina und Bezsmertna © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Eine einfache Eintrittskarte zum Opernball kostet €290. Vielleicht mietet man sich eine Rangloge für €20.500 oder doch nur einen Tisch für 6 Personen um €1.200. Aber es geht auch preiswert: Auf der Galerie des Hauses kann man den kleinen Opernball feiern, im Heurigen dort ein Glas Wein trinken, in einer Disco moderne Musik hören oder im Casino zocken. Dem Frackzwang des Abends begegnen Geübte mit gemieteten Utensilien.

Die Boulevardpresse zelebriert zum Opernball gerne deren schräge Seiteneinsteiger: Alt-Bauunternehmer “Mörtel” Richard Lugner, 83, ist seit Jahren mit seinen Gästen schrulliger wie wenig seriöser Medienstar des Balles. Einer Einladung in seine Lugner-Rangloge folgen in letzten Jahren bereitwillig Stars und Sternchen wie Brigitte Nielsen, Ruby Rubacuori, Paris Hilton, Pamela Anderson oder Stripperin Ditta von Teese (Slogan: “Der Ball ist nackt”); deren Leidenschaften gelten bekanntlich weniger dem Tanz oder klassischer Musik. Die amerikanische Schauspielerin Brooke Shields folgt 2016 der Einladung Lugners. Unbekannt ist, was Lugners 24jährige Ehefrau Cathy “Spatzi” Schmitz von Brooke Shields  und dem “Opernkarneval” ihres Gatten hält.

Manch traditionsorientierte Wiener Einheimische meiden das in ihren Augen leicht verrufene Klatschspektakel “Wiener Opernball“. Doch die Medialisierung des Wiener Opernballes bricht alte Balltraditionen auf, wurde zu einem weltweit bewunderten Ereignis. Dem gesellschaftlichen Leben der kulturell so reichen Stadt Wien gibt er immer wieder vielfältige neue Impulse. Und genau dies begründet das großartige Phänomen Wiener Opernball, welcher am 2. Februar 2016 zum 60. Mal gefeiert wird und rund um den Globus Neugierde und Aufmerksamkeit erfährt.

IOCO / Viktor Jarosch / 02.02.2016

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