Wien, Volksoper, Premiere Salome von Richard Strauss, IOCO Kritik, 15.10.2011

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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO
Volksoper Wien © IOCO

  Salome von Richard Strauss
Ausbruch aus der Männerherrschaft

1905 durften Frauen erstmals öffentlich rauchen. Das gerade erfundene Fahrrad bot Frauen neue Wege öffentlicher Präsenz. Auf Demonstrationen forderten mutige Frauen das Wahlrecht ein. Und dann eine  Salome von Richard Strauss, bitonal modern komponiert, in der eine Frau den Kopf des Jochanaans fordert, seine toten Lippen küsst! Der scheinbar biedere Richard Strauss hatte das Skandalstück Salome von Oscar Wilde vertont. Oscar Wilde war zu diesem Zeitpunkt bereits wegen seiner Homosexualität verurteilt. Die Uraufführung der Salome am 9. Dezember 1905  an der Dresdner Hofoper mußte in der Gesellschaft wie der Musikwelt ein Erdbeben auslösen. Eine männlich gefärbte Ordnung geriet aus den Fugen.

 Wien / Volksoper_Salome © Rita Newman / Volksoper Wien
Wien / Volksoper_Salome © Rita Newman / Volksoper Wien
 Wien / Volksoper_Salome © Rita Newman / Volksoper Wien
Wien / Volksoper Salome © Rita Newman / Volksoper Wien

Cosima Wagner führte die lange Reihe etablierter Kritiker an. Schließlich pflegten sich in den Opern ihres Gatten Richard Frauen reihenweise und freiwillig Männern zu opfern: “Das ist Wahnsinn…Nichtiger Unfug, vermählt mit Unzucht”, ihr rollenkonformes Urteil zu Salome. Karl Kraus war zu Salome gewohnt sprachgewandt kryptisch: “Die Musik des Herrn Strauss ist ein Frauenzimmer, das seine natürlichen Mängel durch eine vollständige Beherrschung des Sanskrit ausgleicht“. Kaiser Wilhelm II. hoheitlich herablassend: “Tut mir leid, ich habe ihn sonst ganz gern, aber damit wird er sich schaden”.  Aber es gab auch viel positiven Zuspruch, niemand ließ diese Oper unberührt. 1906 saß im Publikum der Grazer Erstaufführung neben Puccini und Mahler auch jener gerade einmal 17jährige Adolf Hitler.  Die erste Premiere der Salome an der Volksoper erfolgte 1910. 1911 gab Richard Strauss dort sein Debut, auch als Dirigent der Salome.

Die Salome der Volksoper Wien vom 15.10.2011 ist eine Koproduktion mit der Opéra de Monte-Carlo und der Opéra Royal de Wallonie Liège. Die Regie von Marguérite Borie meidet klassische Klischees: Palast und Prunk in männlich dominiertem Ambiente, erotisierenden Schleiertanz und die Betonung traditioneller Verführungsmuster sucht man in der Volksoper-Inszenierung vergebens. Die Bühne karg und dunkel, wenig Dekoration. Eine gleißend helle Zisternenöffnung in der Bühnenmitte. Die Protagonisten agieren im halbdunkel, zurückgenommen im Hintergrund. Deutlich im Vordergrund dagegen die Entwicklung im Leben der Salome, subtil fließend; ihr Ausbruch aus tradierten, geschlechtsbetonten Frauenrollen erfolgt fast sachlich, eher inspiriert denn gesteuert von Stiefmutter Herodias. Mann Herodes wird in diesem Beziehungsgeflecht, sehr real, zum willfährigen, leicht tölpelhaftem Objekt seiner überlegenen Frauen. Die Inszenierung der Marguérite Borie an der Volksoper ist moderne wie notwendige Zäsur mit überholten  “Mann herrscht, Frau tanzt oder intrigiert”  zelebrierenden Salome – Inszenierungen.

 Wien / Volskoerp_Salome und Jochanaan © Rita Newman / Volksoper Wien
Wien / Volksoper_Salome und Jochanaan © Rita Newman / Volksoper Wien

Dirigent Roland Böer setzt mit dem Orchester der Volksoper die so vielschichtige Komposition mit exotischer Harmonik bis hin zu expressionistischen Anklängen technisch gut,  leider aber massiv und undifferenziert um. Die expressiv schwelgenden Passagen wirken präzise aber weder leidenschaftlich noch sängerfreundlich. Das Ensemble, stimmlich bis an die Grenzen gefordert, bewies losgelöst vom Dirigent seine große Klasse: Allen voran dominierte  Sebastian Holecek, unter den Augen des stolzen Vaters, der Wiener Ikone Heinz Holecek,  als Jochanaan mit hell timbriertem, kräftig leuchtendem Bassbariton und guter Intonation. Er schien das Ensemble anzutreiben. Annemarie Kremer gibt der sanft emanzipierenden Salome regiegerechte Persönlichkeit mit stimmlicher Sicherheit. Bleibt aber, auch durch die wiederholte Orchesterdominanz etwas blass. Dagegen bringt Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als meinungsunfähiger Herodes launisch differenzierende Tenor-Kultur großartig auf die Bühne. Auch Irmgard Vilsmeier beherrschte ihre Partie der manipulierenden Herodias mit großer Stimme und starker Bühnenpräsenz. Jörg Schneider als Naraboth ergänzt ein insgesamt sehr gut disponiertes Ensemble.

Mit dieser Salome besitzt die Volksoper ein starkes, modernes Repertoirestück. Das Publikum feierte die spartanische aber klischeebrechende Salome – Premiere ungewöhnlich lang und lautstark. Das großartige Sängerensemble, allen voran Sebastian Holecek, räumte überwiegend ab. Das nicht im Graben sondern auf der Bühne vorgestellte Orchester, Dirigent und Regieteam mußten sich mit weniger Beifall begnügen. Auch Ioan Holender im Publikum muß beeindruckt gewesen sein.

IOCO / Viktor Jarosch / 17.10.2011

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