Wien, Wiener Musikverein, Herrenverein schafft Kleidervorschrift für Damen, IOCO Aktuell, 08.08.2010


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Wiener Musikverein

Wien-Musikverein © IOCO
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Die Wiener Philharmonische Frau trägt Hose: RÖCKE VERBOTEN

Der  Klangkörper der  Wiener Philharmoniker sucht seinesgleichen auf der Welt. Kaum ein Kritiker, der nicht  die  Wiener Philharmoniker in farbigsten Superlativen preist:  “Das Philharmoniker Klangniveau gleichbleibend phänomenal, deren Präzision  extraterrestrisch, die  grundierenden Streicher schüren mit homogenen Strichen die Glut gespielter Kompositionen. Dazu faszinieren Holzbläser und Hörner  pausenlos mit geschmeidigem Legato”. Unbestreitbar: Das Orchester genießt höchstes Ansehen, in Wien wie in der Welt.  2005 wurden die Philharmoniker  fast zwangsläufig zu Goodwill Ambassadors der Weltgesundheits- Organisation (WHO).

Wenig Charme löst dagegen ein Blick hinter die Kulissen dieses Klangkörpers aus. 1842 von Otto Nicolai gegründet, rekrutierten die 140 Mitglieder der  Wiener Philharmoniker bis 1997 ausschließlich Männer. Frauenquote bis 1997: Null.  Laut eigener Satzung hochtrabend der Demokratie verschrieben galt Gleichberechtigung von Mann und Frau lange Jahre als Teufelsding bei den Wiener Philharmonikern. Es wurde behauptet, zwar leise aber doch, Frauen seien für solch großartige Musik ungeeignet.  

Dieser ehemals reine, heile Männerbund zeigt erste Risse. Schuld sind Auslandsreisen. Denn: Der Wiener Philharmonische Mann reist sehr gern, gibt liebend gern Gastkonzerte im Ausland. Am liebsten in New York, San Franzisko oder Boston. Doch gerade dort baute sich Unheil auf: Amerikanische Frauenrechtsverbände, notorische Spielverderber, sehen hinter dem Frauen-Mangel des Wiener Philharmoniker Ensemble platte, profane Diskriminierung. Sie glaubten einfach nicht an leise vorgetragene genetische Beschränkungen musizierender Frauen. Und so protestierten diese Frauenverbände in den 90er Jahren heftig, sobald die grauen Männer aus Wien Reisen in die USA planten.  So von amerikanischen Frauen sanft zur Erkenntnis geleitet, entdeckte der Wiener Philharmoniker zu seiner Überraschung, daß auch Frauen Musikinstrumente beherrschen: “Nicht wirklich, aber doch“, hätte Helmut Qualtinger geraunzt.  Denn seit 1997 sieben (7) Frauen hellen die Riege der 133 vielfach grauen Männern musikalisch und auch optisch auf. Ob der Klangkörper seither gelitten hat wurde noch nicht untersucht.

Kaum der Diskriminierungsklage ledig entdeckte der Wiener Philharmonische Mann, daß Röcke musizierender Frauen das Klangbild erheblich stören. Und schon beschlossen diese Männer in großer Eile, den Mißstand zu beseitigen. Die Reihen der Wiener Philharmoniker  haben männlich zu wirken. Denn: Sollten etwa Röcke inmitten des Philharmonischen Klangkörpers, vielleicht sogar  gemusterte Strumpfhosen oder hohe Hacken auf Wiener Philharmonischen Bühnen zugelassen sein? Der nagende männliche  Albtraum: Sollte die Bluse der Geigerin (Pfui!) für den männlichen Besucher am Ende glutvoller sein als “edle Intonation am Instrument?  Die Gewissensnot der aufrechten Wiener Herrenriege,  sie war mit den Händen zu greifen.

Und so machten die männlichen Musiker eine Kleiderordnung für die musizierende Wiener Frau. Ergebnis: RÖCKE VERBOTEN. Stattdessen: Schwarz-grau gestreifte Nadelstreifenhose, weiße Hemden, graue Gilets, schwarzes Sakko. Ab dem Neujahrskonzert 2011 (Franz Welser-Möst dirigierte)  war es vorbei mit der freien Kleiderwahl der Frau, gilt die Kleiderordnung. Männlichkeit beherrscht wieder die Bühne des Wiener Philharmoniker. Dem Neujahrskonzert 2011 hat die Kleiderordnung noch nicht geholfen. Es wirkte, wie schon zuvor des öfteren, unbeholfen steif. Ein Durchschnittsprogramm in nettem Ambiente des Wiener Musikvereins.  Und man hofft, daß der weibliche Aufstand bei den Wiener Philharmonikern noch lange nicht beendet ist.    IOCO / Viktor Jarosch / 16.07.2011

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