Wien, Wiener Staatsoper, Dominique Meyer präsentiert Spielplan 2011/12, IOCO Aktuell, 23.04.2011

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Wien / Wiener Staatsoper © Starke
Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wiener Staatsoper

Dominique Meyer  präsentiert Spielplan 2011/12

Wien, mit seiner Hingabe an klassische Musik und deren Interpreten, ist einzigartig auf der Welt. Eine Sängerin mit Kehlkopfreizung schafft es in Wien locker auf die Schlagzeilen lokaler Zeitungen.

Der Nukleus der so reichhaltigen Wiener Kultur ist die Wiener Staatsoper. Sie lud am 12.4.2011 zur Pressekonferenz des Spielplanes 2011/2012. Dominique Meyer,  Intendant (nach Wiener Lesart Direktor),  Franz Welser-Möst, Generalmusikdirektor, Manuel Legris, Ballettdirektor und Thomas W. Platzer, Kaufmännischer Direktor,  baten in den Marmorsaal der Staatsoper. Dominique Meyer, neu im Amt und Franzose, wird sich im Wiener Umfeld durchsetzen müssen. Der  aus Rumänien zugereiste und eher bissige  Vorgänger Ioan Holender behauptete sich 20 Jahre erfolgreich gegen Wiener Grabenkriege.  Unvergesslich allerdings, dass  Holender von seinen Nachfolgern auf deren erster Pressekonferenz 2010 mit keinem Wort erwähnt wurde, kein Dank, keine Referenz. So wurde die Jahrespressekonferenz 2011 des neuen Managements plötzlich zu deren eigenem Lackmustest für Teamfähigkeit. Gerüchte, dass Dominique Meyer von der Wiener Musik-Nomenklatura ausgebremst werde, sind an der Tagesordnung. Man achtete auf Zwischentöne und wurde fündig.  Und es herrschte Gedränge: Über 200 Besucher warteten gespannt, der ORF filmte, Fotografen knipsten.

Dominique Meyer  referierte kompetent und eloquent in französischem Tonfall über den Status der Wiener Staatsoper und den Spielplan 2011/12.  Herbert von Karajan formulierte einmal, dass ein moderner Operndirektor ein musikalisch gebildeter Verwaltungsbeamter sein solle, welcher die künstlerische Leitung Spezialisten, Gastdirigenten und Regisseuren, übertrage. Meyer scheint sehr in Karajans Visionen zu passen. Zu hoffen bleibt, dass dies für seine  Kollegen Welser-Möst, Legris und Platzer auch gilt. Und so referierte Dominique Meyer  höflich, respektvoll über Wien und die Wiener. Und er dankte:  Dem Hauptsponsor Lexus, dessen Verträge verlängert werden  und welcher auch die Reise der Staatsoper nach Japan unterstützte. Er dankte dem ORF, welcher den Opernball und die kürzliche Anna Bolena Aufführung (NB: mit Anna Netrebko und Elina Garanca) übertragen hat. 27% (500.000) aller österreichischen Fernsehzuschauer hatten Anna Bolena  live verfolgt, mit der ARTE-Übertragung schwelgten 1 Million Zuschauer insgesamt. Anna Bolena wurde  in Konkurrenz zur Metropolitan Opera, New York erstmals auch live in Kinos übertragen. Ein erfolgreicher Versuch, so Meyer, der ausgebaut werden soll. Ab September 2011 werden weitere Kinoübertragungen folgen. Meyer lächelnd: “Man will  (NB.: im Kino) die Met nicht allein lassen”.  In der Spielzeit 2012/13 komme, nachdem die neue Probebühne fertig sei, eine Kinderoper auf die Hauptbühne der Staatsoper. Die Kinderfassung der Feen von Richard Wagner. Stolz war Meyer, ganz gesamtverantwortlicher Intendant, auch auf Zahlen: Die Einnahmen der laufenden Spielzeit lagen am 7.4.2011 fast €2,2 Mio über Plan…Auslastungswerte drucken die Staatsopernunterlagen breit aus: Stand 7. April 2011: 98,58% Gesamtauslastung (Vorjahr 97,93%), Ballettauslastung 93,86% (Vorjahr 94,34%). Öffentlich diskutierte Misstöne zwischen Meyer und Welser-Möst um eine hektisch abgesetzte Cosi fan Tutte-Produktion umschiffte Meyer  staatstragend: Welser-Möst habe die Hoheit über diese Cosi-Aufführung sprich Absage.  Er (Meyer)  honoriere die künstlerisch begründete Entscheidung von Welser-Möst. Klare Zuständigkeiten klingen anders; Welser-Möst, ein neu bestallter GMD, entscheidet über zentrale Regiethemen.  Das Chaos vor den Toren der Wiener Staatsoper?

Zum Spielplan 2011/12:  313 Vorstellungen gesamt: 229 Opernvorstellungen, 49 Ballettvorstellungen, 6 Konzerte, 29 Matineen (Gesang, Kammermusik, anderes).  52  verschiedene Opern- und 9 Ballettproduktionen werden gebracht: Weltrekord! Ausdruck des einzigartigen Staatsopern-Repertoires und hoher logistischer Kompetenz. So bleibt Meta-Motto der Wiener Musiktheater Profis: Repertoire-Pflege, Repertoire-Erneuerung und Repertoire-Erweiterung. Man respektiert, der  Oper-Weltstandard der Wiener Staatsoper  entsteht aus der Profilierung bestehender Repertoire-Stücke, nicht aber aus hektischer Sucht nach Neuem oder spektakulären Premieren. Profis eben.

Nur 5 (!) Premieren und 4  Wiederaufnahmen (WA) zieren den kommenden Staatsopern-Spielplan: La Traviata von Guiseppe Verdi am 9.10.2011, Aus einem Totenhaus von Leos Janacek am 11.12.2011, Mahagonny von Bert Brecht am 24.1.2012, La Clemenza di Tito von W.A. Mozart am 17.5.2012, Daphne von Richard Strauss am 10.12.2011 (WA), Frau ohne Schatten von Richard Strauss am 17.3.2012 (WA), Don Carlos von Guiseppe Verdi am 24.4.2012 (WA), Roberto Devereux von Gaetano Donizetti am 26.5.2012 (WA). Anna Netrebko wird 2011/12 nicht an der Staatsoper singen, viel wird man mit Edita Gruberová machen. Die Saisoneröffnung am 3. September 2011 erfolgt mit Simon Boccanegra von Guiseppe Verdi mit Plácido Domingo als Simon und Feruccio Furlanetto als Fiesco. Die Aufführung wird mit großer Video-Leinwand auch auf den Rathausplatz der Stadt übertragen. Wien ist speziell, wie die geradezu eherne Treue zu dem inzwischen 74-jährigen Placido Domingo eindrücklich zeigt.

Anti-Charismatiker” GMD Franz Welser-Möst erklärte zunächst, er müsse sich auf der PK wegen einer anstehenden Götterdämmerung-Probe kurz fassen. Auch mied Franz Welser-Möst jeden Hinweis auf das Staatsopern-Team und die Zusammenarbeit mit Dominique Meyer. Dagegen sparte er nicht mit zahlreichen Hinweisen auf die großartige “Philharmonische Familie”,  auf Dirigenten wie Thielemann, Dudamel, Young, Armiliato, Gatti, welche mit ihm in der kommenden Spielzeit in Wien dirigieren würden. Den verbreiteten “inzestuösen Dirigentenpool(IOCO)  möchte Welser-Möst durch Förderung junger Dirigenten aufbrechen. So lobte er Wiener Gast-Dirigate von Patrick Lange, welcher, eher zufällig, gerade zum Ersten Kapellmeister der Komischen Oper Berlin avancierte. Dem bestehenden Repertoire widmet Welser-Möst im kommenden Jahr ebenfalls große Aufmerksamkeit. In einer Matinée-Gesprächsreihe wird Franz Welser-Möst  über  Opern, den Wiener Klang, die Rolle der Kirche / Intelektuelle in der Kunst diskutieren. Seine zentrale “hauptberufliche” Tätigkeit umfasst 2011/12   Dirigate und Probenarbeit  zu 2 Premieren.  und Repertoirestücke (6) .

Manuel Legris, präsentierte französisch heiter seine von 55 auf 49 gesunkenen Staatsopern-Vorstellungen für (NB: Das Staatsballett tanzt auch in der Wiener Volksoper). 25 Ballette werden gezeigt Legris 2011/12.  La Sylphide (26.10.2011) von Pierre Lacotte ( das romantische Ballett par excellence) und das Triptychon von Roland Petit L´Arlesienne / Carmen / Le Jeune Homme et la Mort (12.2.2012)  werden neu ins Repertoire aufgenommen. Stravinsky Violin Concerto von Georg Balanchine komplettiert die Liste der Premieren.  Wiederaufnahmen von Dornröschen von Peter Wright, Anna Karenina von Boris Eifmann und Don Quixote von Rudolf Nurejew kommen wieder auf den Spielplan. Daneben noch eine Nurejew Gala……

Die Wiener Staatsoper, das Maß, an dem sich alle Musiktheater der Welt messen,  stellte sich am 12.4.2011 vor. Stilvoll im Marmorsaal der Staatsoper, Spielpläne und Besetzungen bis in letzte Details geregelt,  künstlerisch wie organisatorisch führend in der Musiktheater Champions League. Ob sich die Erfolgs-Ära des Ioan Holender unter der neuen Leitung fortsetzt? Meyer, Welser-Möst, Lengris, Platzer: Alle fachlich höchst kompetent. Soziale Kompetenz allerdings, welche die Erfolgs-Ära der Wiener Staatsoper langfristig sichert, ließ das neue Leitungsteam noch nicht erkennen. Eine Referenz an Ioan Holender  hätte ein solches Zeichen sein können.  IOCO / Viktor Jarosch / 22.4.2011

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