Wien, Wiener Staatsoper, Opernball – Laufsteg der Eitelkeiten – Wer wird Mörtels Gast? IOCO Aktuell, 10.02.2011

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke
Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Der Laufsteg  ungebremster  Eitelkeiten

Opernball in der Wiener Staatsoper

Trotzdem: Ioan Holender, bis 2010 langjähriger Intendant der Wiener Staatsoper  und weltweit respektierte Opern-Institution, hasst den Opernball der StaatsoperRichard “Mörtel” Lugner, 78, ehemaliger Bauunternehmer, erwirbt durch den Opernball jedes Jahr neu schräge Berühmtheit.  Weniger durch Musik als durch abgehalfterte Filmsternchen wie Pamela Andersen, Paris Hilton, Lindsay Lohen oder Stripperin Dita von Teese (“der Ball ist nackt”), welche “Mörtel” seit 1991 mit hohen Gagen und öffentlichkeitswirksam zum Staatsopernball in seine Loge, Miete € 17.000, lockt.

Und so konzentriert sich auch 2011 das mediale Interesse am Wiener Opernball weniger auf musikalische Themen sondern, lebensfroh,  auf die wahrhaft zerreissende Frage:  Wer wird in diesem Jahr Logengast von “Mörtel” ?  Und: Kommt auch Tochter Jaqueline zum Ball oder bleibt sie zu Hause?  bei dem Opernball-feindlichen Freund Helmut?  Elina Garanca allerdings, durch Lugners  Getöse nur noch am Rand erwähnt, wird den Opernball am 3. März 2011 besuchen und singen.  Im letzten Jahr verweigerte sie sich noch, nachdem Ioan Holender in seinem Buch “Ich bin noch nicht fertig”  feststellte, daß Garanca´s  Karriere ihren Charakter negativ verändert habe.

Am 3.3.2011 ab 20.15 Uhr, immer zu Altweiberfastnacht, wird man alles wissen. Der Opernball, das überragende Ereignis der Wiener Ballsaison, nimmt dann seinen Lauf.  15 Kameras des ORF  und vier mobile Filmteams werden live  berichten. Opernsänger der Staatsoper schmettern Spektakel-konforme Arien.  Die Eintrittskarte zum Opernball kostet € 230, nur, damit allein sieht man noch nicht viel. Für €17.000 mit Gästen in einer Rangloge logierend,  kann man  den Einzug der Jungdamen- und Herrenkomitees oder  der Mitternachtsquadrille auf dem Parkett ungestört verfolgen.  Man muß  aber nicht in Ranglogen Sekt schlürfen oder sich  im umgebauten Parkett des Opernhauses im 3/4 Takt  wiegen.  Man kann den Opernball  auch preiswerter haben:  Auf der Galerie den preiswerten  Kleinen Opernball  feiern,  in einem Heurigen der Oper gemütlich Wein trinken, in einer Disco  moderne Musik hören  oder im Spielcasino  Fortuna versuchen. Oder im 6. Rang für € 160 einen Tischanteil für 2 Personen erstehen. Dem Frackzwang des Abends begegnet der Preisbewußte mit gemieteten Utensilien.

Der  ehemals  gepflegte, fast familiäre  Opernball der Wiener Künstler,  inmitten  einer weitgehend  geschlossenen Wiener Gesellschaft,  entwickelte sich in den letzten 20 Jahren  zu einem medialen Großereignis, zu einem  Laufsteg ungebremster  Eitelkeiten. 12.000 Besucher kämpfen jährlich um Karten.  Der  Ball von Künstlern für Künstler  wandelte sich zum Ball des Volks wie Geldadels.  Die Logen der Oper dienen zunehmend der Geschäftsanbahnung,  wienerisch als `Landschaftpflege´ gewürdigt.  Im gegenüberliegenden Hotel Sacher wird reichlich vorgefeiert (vorgeglüht).

Wien besitzt eine sehr reiche  Ball-Tradition und feiert – zumeist im Winter – nahezu 450 Bälle in allen Preis- und Ausstattungskategorien.  Vom Gschnas ( fröhliches Kostümfest) über den Bürgerball  zum medialen Höhepunt dem  Opernball. Ein Reigen der Tanzkultur fächert sich auf:  Die Debütantinnen auf  Opernball, andere auf dem BonbonBall (4.3.)  dem Moskauer Wohltätigkeitsball, dem anregenden Kaffeesiederball, dem Integrationsball, dem Regenbodenball, dem Life Ball  oder dem 90 Jahre alten  Jägerball in der Wiener Hofburg, …….Für ausländische Nachrichtenblätter dagegen reduziert sich  die Wiener Ball-Tradition  auf einen  einzigen  Ball, den   Wiener Opernball .   2011  wird dieser Wiener Opernball  75 Jahre alt.  Erstmals 1935  als  Wiener Opernball  für karitative Zwecke aus der Taufe gehoben,  findet dieser Ball  regelmäßig  am letzten Donnerstag  vor dem Höhepunkt des Karnevals, am Altweiberfastnacht  in  der Wiener Staatsoper statt.  Seine Tradition reicht bis  zu  den  Zeiten des Wiener Kongresses, 1814/15.  Künstler der  Hofoper  veranstalteten damals  aus Anlaß des Welt-Ereignisses regelmäßig  Tänze  für die illustren  Gäste des Kongresses. Diese Tradition lebte weiter.  Seit 1877 gab es Opernbälle als Soirée in der Wiener Staatsoper.  So  entwickelten sich über Jahrzehnte die alten Bräuche weiter;  bis  diese  1935  in die  heute gelebten Rituale mündeten.  Im Februar 1956  fand der  Wiener Opernball  nach dem 2. Weltkrieg  seine Fortsetzung.  Erst kurz zuvor,  am 9.11.1955,  war die  im Krieg  zerstörte  Wiener Staatsoper  mit Fidelio und Karl Böhm  wieder eröffnet  worden.

Traditionsorientierte  Wiener meiden das aus ihrer Sicht,  leicht verrufene Klatschspektakel des Opernballes. Sie  flüchten zu Bällen,  welche  ihre Ursprünglichkeit mehr bewahrt  haben. Trotzdem:  Die Vox Populi  hat durch Medialisierung  des Wiener Opernballes  dortige Balltraditionen  eingeholt und  verändert.  IOCO / VJ  / 10.02.2011

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